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Westdeutsche Zeitung: Steigende Zahl psychischer Erkrankungen macht nachdenklich = von Martin Vogler

Düsseldorf (ots) - Es ist alarmierend, dass immer mehr
Arbeitnehmer wegen psychischer Belastung krank werden. Die Menschen
leiden, und die Firmen müssen mit enormen Fehlzeiten klarkommen. Also
ist es im Sinne aller, Ursachen zu finden und Abhilfe zu schaffen.
Nur fällt das nicht leicht. Sicherlich ist der Leistungsdruck
gestiegen. Nicht zuletzt die - eigentlich zum Wohle des Mitarbeiters
- verkürzte Arbeitszeit hat paradoxerweise auch dazu geführt, dass
das stündliche Pensum für viele hochgefahren wurde. Soziale
Unsicherheit, etwa bei Angst vor Arbeitsplatzverlust oder
langfristigen Engagements bei Zeitarbeitsfirmen, verhindern ebenfall,
dass sich die wahre innere Ausgeglichenheit einstellt. Es gibt auch
Branchen, zum Beispiel bei Erziehenden oder im Gesundheitswesen, in
denen viele die besondere Belastung nicht verkraften. Bedenklich
stimmt zudem die Erfahrung, dass Frauen häufiger als Männer wegen
psychischer Erkrankungen erwerbsunfähig werden. Das könnte mit dem
Rollenverständnis in der Partnerschaft und ungleicher Aufteilung
häuslicher Pflichten bei Doppelverdienern zu tun haben. All das macht
sehr nachdenklich. Was können wir also tun? Die Frage geht an
Arbeitgeber und Mitarbeiter. Firmen handeln kurzsichtig, wenn sie
innerhalb weniger Jahren ihre guten Kräfte ausbrennen lassen. Dies
gilt besonders für die moderne Form der psychischen Belastung, wenn
dank digitaler Technik die Menschen 24 Stunden inklusive Wochenende
und Urlaub erreichbar sind. Um nicht missverstanden zu werden: Hohes
Engagement macht nicht automatisch krank. Wer im Alltag aktiv und
freudvoll gestalten kann, der agiert gerne auch außerhalb der in
vielen Jobs sowieso veralteten Bürozeiten. Doch es gilt auch hier:
Jeder - egal ob engagierter Einsteiger oder hoch bezahlter Manager -
sollte den Mut aufbringen, mal das Handy auszuschalten, technisch und
geistig offline zu gehen und die Seele baumeln zu lassen. Ebenso
sollte sich jeder überlegen, ob seine E-Mail wirklich für mehr als
zehn Empfänger wichtig ist, oder ob auch zwei oder drei genügen.
Dabei - und wenn man mal ein paar Stunden nicht erreichbar ist - wird
sich die wertvolle Erkenntnis einstellen, dass die Welt dennoch nicht
untergegangen ist.

Pressekontakt:
Westdeutsche Zeitung
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