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Documenta Tagebuch von Rainer Strzolka

Bild von Dr. Rainer Strzolka

Weshalb man nie zur Documenta gehen sollte

Teil 1

Es gibt zweifellos mehr Gründe, weshalb man nicht zur Documenta gehen sollte als welche, die dafür sprechen.

Diese Schrift nennt Ihnen eine Reihe solcher Gründe, die es Ihnen ermöglichen, dem üblichen Lounge-Smalltalk zu entgehen, auf dem betont wird, daß man unbedingt auf die Documenta gehen müsse. Muss man nicht.

Die meisten Menschen, die auf die Documenta gegangen sind, haben dies aus einem extrinsischen Motiv heraus getan. Niemand, der irgendwie bei Trost ist, geht auf die Documenta, weil der dies gerne tut. Er kennt jemanden, den er gerne mag, und der auch auf die Documenta. Solche Menschen sind beispielsweise Künstler, die unter einem kreativen Tief leiden und niemals kreative Höhen gesehen haben. Oder Journalisten, die sich in den Untiefen der Kunstkritik verirrt haben. Man ist in jemanden verliebt, der auf die Documenta gehen muss. In jemanden, der auf die Documenta gehen möchte, sollte man sich besser nicht verlieben. Es könnte ein sehr anstrengender Charakter sein, der vor einem Kothaufen stehenbleibt und ihn als Kunst empfindet. In der Regel ist solch ein Kothaufen dann von einem Hund und nicht von einem Künstler. Joseph Beuys war es, der einen Haufen Scheisse zur Kunst erklärte, weil jener von einem Künstler stamme und nur ein Künstler erklären könne, was Kunst sei. Quod erat demonstrandum. Von Scheiss-Kunst zu reden verbietet sich in einem solchen Umfeld von alleine. Dennoch wird ein jedes Koprom auf der Documenta leicht zur Kunst. Dies erklärt die hohen Toilettenbenutzungsgebühren. Es verwundert manchmal, daß die Präsentation der Weltkunst es noch nicht zur Kophrophagie gebracht hat. Kasseler Kunst hat doch ihre Grenzen. Man muss dergleichen Kunst auch nicht gleich essen, es würde völlig genügen, sie einen jeden Tag nach Ihrer Lichterblickung zu fotografieren und einen Haiku über seine Beschaffenheit zu verfassen. Tag für Tag zwei Kunstwerke, im Schnitt. Das ist eine schöne Vorstellung.

Ich gerade immer wieder in Situationen, wo ich unter irgend einem Vorwand gefragt werde, warum ich auf die Documenta gehe oder warum ich nicht auf die Documenta gehe. Da meine Haltung zur Documenta allgemein bekannt ist, werden solche Fragen gerne aus der sicheren Distanz einer Camouflage heraus gestellt. Beispielsweise klingelt der mir längst bekannte Spitzel der GEZ, diesmal mit einem Plastikbart getarnt an meiner Tür. Er fährt nicht die übliche Nummer, mir eine TV-Zeitschrift schenken zu wollen, weil er genau weiß, daß ich keinen Fernseher habe und Fernsehen überhaupt hasse, weil es vor dem Internet die größte Verblödungsmaschine der menschlichen Gesellschaft war. Damals, als es noch keine Sekten gab. Der GEZ-Spitzel, ein grenzdebiler Langzeitarbeitsloser, klingelt bei mir. Ich öffne, erkenne ihn sofort und sage ihm „Herr Piefuttke, Sie doch nicht schon wieder mit der blöden Hör-Zu-Nummer.“ Piefuttke schaut links, schaut rechts und flüstert mir das verschwörungshaft ins Ohr „Nee, Herr Strzolka, ich hab mit der GEZ gebrochen. Das sind alles üble Stasi-Schweine. Ich mach jetzt mal seriös und in Kunst. Ich will Sie mal fragen, wieso Sie nicht auf die Documenta gehen.“

Eine hilfsbedürftige Seele. Ich nehme Piefuttke in den Arm, streichele sein schütteres Haupt. Ich lobe ihn dafür, daß er mit der Spitzelkarriere beim Staatszentralverblödungsmedium gebrochen hat. Ich giesse ihm eine Knappogue Castle ein und erzähle ihm, warum ich nie nie nie mehr auf die Documenta gehe.

Als die Flasche leer ist, ist Piefuttke zu einem meiner wenigen Freunde geworden.