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Rainer Strzolka, Das Documenta-Tagebuch Teil 2

Bild von Dr. Rainer Strzolka

Weshalb man nie zur Documenta gehen sollte

Teil 2

Ich nahm Piefuttke in den folgenden Tagen öfter mit auf meine Streifzüge rund um das Documenta-Gelände. Ich hatte ihn als Lehrling angenommen, er verstand recht bald, warum man die Documenta weiträumig umlaufen konnte und trotzdem keinen Kunstgenussverlust im Leben beklagen mußte. Ich brachte ihm dem ehemaligen Spitzel der GEZ bei, das Internet zu benutzen und er fand dort Seiten wie www.fragen-zur-kunst.de und lernte, daß dort ebensolche grenzdebilen Gestalten das Sagen hatten, wie er selbst eine war. Dies machte Piefuttke glücklich.

Für einen kleinen Augenblick. Immer wieder und wieder kam er aber wieder auf die eine Kernfrage zurück, wieso Herr Strzolka denn auf die Documenta gegangen sein muß, in einem früheren Leben oder wenigsten früher mal in diesem Leben. Er rüsselte sich bei solch intimen Fragen gerne eine Currywurst in eine seiner vielen Körperöffnungen hinein und piefuttkete laut hörbar. Das war alles, was er konnte. Aber er war nicht wirklich schlecht. Es gibt kaum einen wirklich grundschlechten Menschen auf der Welt, und Pieffuttke war nicht grundschlecht. Er war dumm, aber er teilte damit das Schicksal der meisten Menschen auf dieser Welt. Dumm, aber glücklich, so sei die Erdbevölkerung, hatte Gott irgendwann mal als Prinzip erdacht. Er hatte dabei die Rechnung ohne die dummen Menschen gemacht, die dafür sorgten, daß kaum jemand mehr glücklich sein werde auf dieser Welt. Aber Gott war auch dumm, wahrscheinlich dümmer als die wirklich sehr dummen Christen, die ihn anbeten. Das Kritikbewußtsein von Christen ist dem einer Müllhalde sehr ähnlich. The world is a mess. Hier liegt die gemeinsame Schnittmenge.

Piefuttke war glücklich, als ich ihm diesen Zusammenhang erklärte und fragte, ob er aus meinem Hundenapf essen dürfe. Ich erlaubte es ihm, und bald war er satt.

Warum ging ich einmal, Piefuttke hatte recht, auf die Documenta? Es gibt dafür keine inhaltlich haltbare Begründung. Ich war einfach jung, als ich auf die Documenta ging. Man muss entweder unglaublich alt und geistig tot oder sehr jung sein, um auf die Documenta gehen zu können.