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Reykjavik - ein alternativer Reiseführer von Susanne Engelmann

Bild von Dr. Rainer Strzolka

Wieso ist diese Stadt bloß unsere Lieblingsstadt? Sie ist überhaupt nicht schön, sondern eigentlich gesichtslos und leicht heruntergekommen. Viele Häuser sind grau, wie der Fels. Bunte Wellblechverkleidung ist ausgeblichen und blättert ab. Kleine Fenster kann man nur einen Spalt breit öffnen – nur nicht die Kälte hereinlassen – dafür sind sie einfach verglast. Beheizte Gehwege säumen oft leere, breite Fahrbahnen und jedes Viertel hat sein beheiztes Schwimmbad. Aber diese Stadt bietet sich ehrlich und klar in der sauberen Luft dar. Im Sommer badet sie im intensiven Licht. Im Winter, wenn das Leben in Innenräumen stattfindet, bietet das kalte nordische Meer vor den schneebedeckten, dunklen Bergen immer neue kräftige Farbspiele und Kontraste, es sei denn, die Sonne verschwindet ganz. Es ist schon klar, hier ist die Natur nicht lieblich und nett zu den Menschen. Die Existenz einer modernen Großstadt bedarf ständiger Anstrengung. Vielleicht erinnern deshalb die Kirchen an Berge und Gletscher. Die umgebende Natur ist rau und karg; so ist es die Stadt auch.
Die Menschen sind auch nicht lieblich und nett zur Natur – jedenfalls nicht zu den Walen und Papageientauchern. Die werden für jegliches Geschäftsinteresse verwertet, ob als Nahrungsmittel oder als Touristenmagnet. Daher liegen im Hafen die Fangschiffe neben den Ausflugsschiffen zur Tierbeobachtung.
Der alte Friedhof bildet einen kleinen wilden Dschungel in der Stadt direkt am Stadtsee. Leicht düster und verfallen, verbreitet er einen morbiden Charme.
Als Kontrapunkt setzen die Einwohner dieser Strenge all ihre Lebensfreude und Kreativität entgegen. In der Innenstadt herrscht bunter Kunstbetrieb. Galerien säumen die Straßen. Die Mode ist ausgeflippt und schrill. Alles ist erlaubt.
Der kurze Sommer wird exzessiv und konsequent im Freien verlebt. An jeder Ecke gibt es Straßen- musik und irgendein Straßenfest in irgendeinem Hinterhof voller Graffities ist immer. In den Straßencafés herrscht reger Betrieb. Am Wochenende unternehmen die Familien Ausflüge auf das vorgelagerte, grüne Inselchen Videy zum Grillen und Ponyreiten. Auf der Halbinsel Seljanarnes haben die Golfer einen Luxusplatz in einem ehemaligen Vogelschutzgebiet erobert; an drei Seiten vom Meer umgeben, nur gestört von Joggern, die darum ihre Runden drehen.
Zur Gay Pride Parade versammeln sich alle Isländer in der Hauptstadt. Es ist ein Riesenfestival der Toleranz und des bunten Miteinanders.