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Kleine Exkursion der Liebe. Neue Texte von Gabriele Richter, Bielefeld, in der Galerie für Kulturkommunikation

Bild von Dr. Rainer Strzolka

Die Galerie für Kulturkommunikation präsentiert in ihrer Reihe mit exklusiven Texten eine neue Arbeit von Gabriele Richter, Bielefeld. Hier eine Leseprobe:

"Kleine Exkursion der Liebe

Haben Sie schon mal überlegt, wie viel Zeit Sie im Laufe Ihres Lebens damit verbracht haben, nach der Liebe zu suchen?
In der Jugend sind wir überwiegend damit beschäftigt, ob wir anderen oder dem Anderen gefallen, schön genug sind, interessant genug sind…was die heutige Facebook -Generation mit „likes“ ausdrückt, so zusagen Anerkennung per Mausklick und für jeden sichtbar. Und es setzt sich fort….wir geben alle Millionen jährlich dafür aus, andere Menschen anzuziehen, für schön, attraktiv oder liebenswert gehalten zu werden.
Neulich habe ich mir die Frage gestellt, was passiert, wenn es wirklich passiert? Plötzlich jemand auftaucht, mit dem Beziehung in irgendeiner Form potentiell möglich ist. Im online-Zeitalter ist das fast ständig möglich! Dann sind sie alle wieder da… die Selbstzweifel, die wir nur allzu gut kennen. Sind wir wirklich schön oder anziehend genug, damit eine Beziehung möglich wird?
Vielleicht ist es aber auch umgekehrt: wir finden uns so toll, cool und sexy, dass wir es gar nicht verstehen, warum es der Andere nicht so sieht. Hier stellt sich allerdings die Frage, wozu wir dieses Balzverhalten eigentlich brauchen- nur um eine Beziehung herzustellen, die wir, sobald erst mal etabliert, gleich wieder versuchen, unseren Vorstellungen entsprechend anzupassen?
In meinen persönlichen Experimenten mit online-dating sind mir immer wieder zwei interessante Perspektiven begegnet, die mit der eigentlichen Suche nach Liebe nichts zu tun haben:
Männer berichten, dass sie sich häufig abgestoßen fühlen von Frauen-Profilen, die mit sexueller Provokation nach dem Bankkonto fragen. Frauen hingegen beklagen sich über Männer, die mit Status- und Potenzprotzerei eine willige Dame für Bett, Herd und Gartenpflege suchen. Befragt man jedoch den Einzelnen, was er denn eigentlich wirklich sucht….meistens „die Große Liebe“…so kann man sich über die allzu unpassende Eigenwerbung und Selbstdarstellung nur wundern. Wenn Sie jemand zum Tapezieren suchen, beschreiben Sie ja auch nicht die Größe Ihres Swimmingpools.
Betrachten Sie das Ganze doch mal ganz pragmatisch, nüchtern, soziologisch…Sie suchen also qua Kommunikation, die verbal oder virtuell sein kann, nach nichts anderem als einem anderen Kommunikationsmedium: Liebe! Das Problem dabei ist allerdings die nicht-materielle Konsistenz dessen, was Sie suchen. Und natürlich wissen wir alle, dass Liebe weder gemessen, noch gewogen, gekauft oder eingepackt werden kann. Trotzdem handeln wir danach. „ Du liebst…mehr als mich!“ fragt nach dem Maß oder Gewicht der Liebe. Oder wenn Sie dieses oder jenes tun, kaufen oder schenken erwarten Sie Liebe als Gegenleistung. Liebe wird dabei zum Tausch-oder Warengeschäft, das manchmal viel Freude bringt, oft aber auch zu gegenteiligen Erfahrungen führt. Am Beispiel des Weihnachtsfestes wird deutlich, wie sehr die Zufriedenheit und Liebe von den passenden Käufen abhängig ist. Die erhöhte Rate der Familienkonflikte am Fest der Liebe zeigt den Grad unserer Liebe auf der Skala der Beschenkten.
Die nicht-materille Konsistenz der Liebe hat aber einen entscheidenden Vorteil, den wir leider allzu häufig übersehen: Während materielle Dinge kleiner werden, wenn wir sie teilen, ist es bei der Liebe umgekehrt….sie wird größer durch Teilung!
Je mehr Menschen Sie lieben, umso mehr werden Sie geliebt. Und je mehr ihre geliebten Menschen weitere Menschen lieben, umso mehr tauchen Sie ein in ein sich endlos potenzierendes System oder Netzwerk der Liebe… eine phantastische Vorstellung!
Sehr leicht, immer und überall anwendbar, wenn Sie nur Ihre herkömmlichen Vorstellungen von Liebe außer Acht lassen.
Hierzu eine leichte Übung: Bevor Sie das nächste Mal aus dem Haus gehen, blicken Sie in den Spiegel und sagen Sie sich laut oder leise: Ich liebe mich! Dann gehen Sie auf die Straße und lächeln alle Mitmenschen an, damit diese es auch merken, wie sehr Sie sich lieben. Meistens wird ein Lächeln erwidert und Sie erkennen, wie schnell sich allein diese elementarste Form der Liebe potenziert…ohne Worte oder Heldentaten, ohne Diät oder Porsche, einfach nur durch die kurze Bewegung ihrer Gesichtsmuskulatur. Das macht nicht nur schöner, sondern lässt Sie auch jünger und gesünder aussehen! Und während Sie auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen diese ganz einfache Übung machen, begegnen Sie möglicherweise immer neuen Menschen, die auf dem gleichen Weg sind. Gute Gespräche, neue Kontakte, alles Mögliche wird Ihnen jeden Weg wie ein großes Abenteuer erscheinen lassen. Nur messen Sie diese Menschen nicht, staunen Sie nur über die Vielfältigkeit der Liebe in Ihren Endprodukten…den Menschen in Ihrer Einzigartigkeit, die alle nur eines wollen- geliebt werden!
Die Fortgeschrittenen- Übung der Liebe ist die Paarbeziehung. Manchmal wollen wir ein Leben lang üben…bis das der Tod uns scheidet….manchmal auch nur für eine Nacht, dem one-night-stand. Welche Übungssequenz wir auch wählen, es geht immer um Kommunikation von Liebe, die mal verbal, emotional, sexuell oder mental ausgedrückt wird. Doch auch hier führt Diffusion oft zu Missverständnissen, denn verbal drücken wir uns oft anders aus als mental: wir sagen z.B. „mein Schatz“ und denken „du Idiot“ oder sagen „ich liebe dich“ und fühlen „ich will dich- jetzt sofort!“. Dass es bei unserem Partner genauso läuft, macht es nicht leichter…wir spielen Konfusion im Duett. Deshalb ist es viel effektiver, nur das auszudrücken, was Sie wirklich an Ihrem PartnerIn lieben, z.B. „ich liebe deine Kochkunst“ und schon haben Sie Liebe per Kommunikation gegeben und können gewiss sein, in Zukunft weiterhin gut bekocht zu werden. Gehen Sie aus der Rolle des Suchenden in die Rolle des Gebenden, dazu müssen Sie nicht lügen oder übertreiben, sondern nur aussprechen, was Sie schätzen. Je häufiger diese 2. Übung anwenden, desto mehr wird Ihre Liebe sich ausdehnen; kleinliche Beziehungskonflikte lösen sich auf und niemand diskutiert mehr stundenlang über Zahnpasta-Tuben im Bad oder ähnlichen Unsinn.
Die 3. Übung ist etwas schwieriger. Da die Konsistenz der Liebe eher quecksilberartig, fluide ist, sollten Sie immer darauf achten, dass Liebe Raum braucht, um sich zu entfalten. Sollten Sie also versuchen, etwas Fluides wie etwas Festes zu behandeln, werden Sie früher oder später merken, dass sich die Liebe verflüchtigt hat. Dann müssen Sie wieder von vorn beginnen mit der Suche, alle Übungen wiederholen, bis Sie verstanden haben, dass Liebe ein Kind der Freiheit ist.

Viel Freude beim Lieben
Gabriele Richter"